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Die Trachilia von Stamata Orfanou

trachtenoder der Kraplap von Tilos

 


Text und Fotos: An Moonen - Mit Dank an Frau Papantoniu (Athen) und Frau Dina Vagianou (Rhodos)

 


Tilos ist eine griechische Insel und gehört zur Dodekanes-Gruppe (den „zwölf Inseln") im südöstlichen Ägäischen Meer vor der türkischen Küste. Hauptinseln sind Kos und Rhodos.Tilos liegt zwischen diesen beiden Inseln und war aufgrund des eingeschränkten Fährverkehrs immer eine Oase der Ruhe und Stille. Zur Zeit leben dort nur noch dreihundert Menschen (als Folge der starken Emigration in den letzten 100 Jahren). Im Sommer allerdings finden sich dort weitere tausend Menschen ein; sowohl Alt-Tilenen als auch Touristen.

1899 besuchte der Deutsche Friedrich von Vincenz diese Insel, die damals noch Telos oder Piscopi hieß. In einem detaillierten Artikel für die Januar-Ausgabe der Zeitschrift Globus berichtete er über das damalige Leben auf Tilos.

Darin beschrieb er nicht nur die geographische Lage, die Landwirtschaft und die Viehzucht, den Handel und Wandel der Bewohner, sondern ging auch genauestens auf die Männer- und Frauentrachten ein.

Von Vincenz berichtete sogar, dass diese Trachten (im Jahre 1899) immer noch so waren wie einhundert Jahre zuvor. Besonders fasziniert war er von den Unterschieden in der Alltags- und der Festtagstracht der Frauen. Die Sonn- und Festtagstracht ist nämlich farbenfroh und dekorativ.

Von Vincenz beschrieb diesen Unterschied so, als würden sich die Frauen aus ihren unattraktiven braunen Kokons - dem handgesponnenen und gewebten Überkleid plötzlich zu prächtigen Schmetterlingen entpuppen.

Als ich im Jahre 1990 Stamata Orfanou - die letzte trachttragende Frau von Tilos - fotografierte, galt die Beschreibung, die uns von Vincenz von diesen Trachten geliefert hat, noch stets.

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Darin besteht ein großer Unterschied zu den niederländischen Trachten, die sich im Laufe der letzten hundert Jahre erheblich verändert haben.

Abbildung oben zeigt Stamata am offenen Feuer (auf dem sie bis zu ihrem Tode gekocht hat). An den Füßen trägt sie die typischen naturfarbenen Stiefel (Podimata) aus Schafsleder mit gekräuseltem Schaft.

Auf dem Porträt unten ist außerdem ihre gestickte „trachilia" deutlich zu sehen. Ihr Kopf ist mit einem „mandili" bedeckt. Für den täglichen Gebrauch im Haus diente hierzu ein Bauerntaschentuch.

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Außerhalb des Hauses trug man alltags ein weißes Kopftuch, das unter dem Kinn verknotet werden konnte (s. Abb. 2), das sich aber auch auf geniale Weise zu einem Sonnenhut umfunktionieren ließ.Das Haar ist traditionell geflochten, wobei die langen Zöpfe vorn vor den Ohren getragen werden und sich im Nacken kreuzen. Auf dem Kopf werden die Zöpfe mit eingeflochtenen Bändern verknotet.

Das untenstehende Foto ist in den siebziger Jahren entstanden (fotografiert von Dr. Haris M. Koutelakis) und zeigt Stamata Orfanou zusammen mit zwei anderen Frauen. Sehr schön sind die gestickten Brustlatze zu erkennen, die in der Ausschnittöffnung der weißen Kleider getragen werden. Das Überkleid besteht aus brauner, handgesponnener Wolle. Um die Taille wird der rotschwarze Gürtel, der sog. „Zoni" getragen. Anfangs handelte es sich dabei um ein Bandgewebe, später waren die Gürtel gehäkelt und in Längsrichtung gestreift. Das Band ist so lang, dass es einige Male um die Taille geschlungen werden kann.

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Die Trachilia

Der eigentliche Grund für diesen Artikel war jedoch der gestickte Latz, der Bestandteil der Frauentracht war. Von Vincenz schrieb darüber (1899): „Auf der Brust befindet sich ein vom Halse mehr oder weniger tief herabreichender Ausschnitt, der durch bunte kunstreiche Stickerei, meist in Schwarz, Rot und Grün, ausgefüllt ist, auf dem die mit großer Vorliebe getragenen Schaumünzen, sowie bunten Halsgehänge in Glas und Bernstein hängen."

Auf Tilos bezeichnet man einen solchen Latz als „Trachilia", was unserem Kraplap sehr nahe kommt. Trachea bedeutet Luftröhre und Trachilia steht auch für Kragen. In jedem Fall handelt es sich also um ein Teil, das die Luftröhre bzw. den Kehlkopf bedeckt.

Die Abbildungen zeigen Stamata in ihrem Alltags(unter)kleid mit wenig Stickerei, dem „boukamiso". Außerhalb des Hauses trägt sie darüber ein Wollkleid aus handgesponnener und gewebter Schafwolle. Ihre Trachilia ist bunt bestickt und weist ein typisches Dreiecksmuster auf.

Untenstehende Beispiele  zeigen ähnliche Muster; die ältesten haben einen roten, wollenen Untergrund.

Laut einer der besten Expertinnen auf dem Gebiet der griechischen Trachten, Frau loanna Papantoniou in Athen, kennen die meisten griechischen Trachten die Trachilia in der Form wie sie von Stamata Orfanou getragen wurde. Diese ist auf den vorhandenen Abbildungen allerdings meist nicht sichtbar, da hier meist die Sonntagstrachten zu sehen sind, wobei die Trachilia fast ganz von den dazu getragenen Ketten und Behängen verdeckt wurde.

Zum Ursprung der Trachilia konnte sie uns keine Informationen liefern, aber diese geht bestimmt auf ein verlängertes Halstuch zurück, wie das auch bei den niederländischen Trachten der Fall ist.

Diese Beschreibung kann natürlich nur ein unzureichendes Bild von den einst auf Tilos getragenen Trachten vermitteln. Genau wie bei uns waren die Trachten bestimmten Regeln unterworfen, wobei es auf Sonntag oder Alltag, Trauerzeiten, Alter und sozialen Status ankam. Leider gibt es hierzu auf Tilos keinerlei Dokumentationen und es sind auch keine Untersuchungen angestellt worden.

Stamata Orfanou starb drei Monate nachdem ich sie fotografiert hatte. Sie wurde in ihrer Tracht begraben. Ihre übrige Kleidung hat man wahrscheinlich verbrannt.

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, 29. August 2009 um 18:41 Uhr
 

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